Wie Catherine Deneuve im Film „Belle de Jour“ kenne auch ich alltägliche Sinneseindrücke, die mich ganz und gar in andere Welten und Realitäten ziehen können. Das kann die Lichtstimmung am Himmel sein, wie die Sonne die Wolken färbt, der Geruch nach einem starken Sommerregenschauer oder die Geräuschkulisse von in der Ferne spielenden Kindern. All das kann, vor allem wenn ich alleine unterwegs bin und gerade nicht dringend am Weg die nächste Bim zu erwischen, zu einem quasi dissoziativen Zustand führen. Die Grenzen sind fließend, wann etwas noch zum Tagträumen und wann schon eher zum Dissoziieren gehört. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde durchreise ich Zeiten und Orte, hin zu erlebten Momenten, Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gesprächen, Gefühlen und erlebe sie, als wären sie jetzt gerade echt. Das kann wunderschön sein – oder auch grausam erschreckend. Oft lasse ich meine Seele gerne wandern, weil ich mich dem Wiedererleben hingebe und der erdige Geruch von feuchtem Waldboden alle meine Sinne mit warmen Gefühlen füllt und das hartkantige Vermissen der Spaziergänge meiner Kindheit gemeinsam mit meinem Großvater ein wenig lindert. In vielen Fällen sind diese Flashbacks aber kein Genuss. Ein Großteil davon endet irgendwo, irgendwie im zwanghaften Durchstehen von Momenten, in denen ich voller Angst und Verzweiflung war. So oft schon saß ich meinen Eltern gegenüber auf der grauen Ledercouch des Wohnzimmers wie Josef K., Kafkas Protagonist in seinem unvollendeten Roman „Der Prozess“, in meiner unvollendeten Geschichte, jemals durch einen Rechtsbeistand gegenüber der grausamen Übermacht meiner allmächtigen Eltern geschützt und verteidigt zu werden.


Es braucht nicht viel außer einen vorbeifahrenden dunkelblauen BMW, um heftige Kontraktionen in meinem Magen auszulösen die dazu führen, mich versichern zu müssen, dass nicht mein Vater an dessen Steuer sitzt – wohlwissend, dass sein aktuelles Auto nicht nur eine andere Marke, sondern auch eine andere Farbe trägt.



Trigger sind etwas Bösartiges und Gefinkeltes, die im mittlerweile sehr alltäglich gewordenen Sprachgebrauch für diejenigen, bei denen sie ihre klinische Bedeutung haben, weitreichende Konsequenzen haben können. Alles kann ein Trigger sein und davor lässt es sich nicht warnen. Oft – behaupte ich – sind sogar weniger die expliziten Begrifflichkeiten das Problem, denn diese laufen über die kognitive Ebene ab und gegen diese lässt es sich irgendwo auch rational wehren. Trigger in ihrem eigentlichen Wortsinn sind viel diffiziler, diffuser und subtiler. Ein Trigger kann in einer Handbewegung der Führungskraft liegen, die eine entspannte Stimmung sofort in einen Abend im Fawn Mode kippen lässt. Es reicht ein Wort, ein Ton, eine Formulierung, durch die man innerlich gefriert und völlig wehrlos wird und die sich später in altbekannter Panik-Übelkeit zeigt. Es sind die unsichtbaren Dinge, auf die wir programmiert sind und die auch im Alltag zu dissoziativen Momenten führen können.




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