Ich traf mein Schutzwesen zum ersten Mal in einem Traum. In einem Traum, in dem ich träumte, von ihm zerfleischt zu werden (ja, ich träumte zu träumen). Ich sah seine Rohheit, seine Brutalität und die Grausamkeit, zu der es fähig war. Doch ich begriff irgendwann, dass das nicht sein wahres Wesen zeigte, sondern dass es meine Angst war, die es dazu machte und viel später auch, dass es manchmal Rohheit und Grausamkeit braucht, um an sich selbst festgewachsene Strukturen loszureißen, die die Seele einschnüren.


Es war die Zeit, als mich meine Rückenschmerzen an einem ansatzweise „normalen“ Leben völlig hinderten. Als ich nicht ins Kino gehen konnte oder essen oder längere Autofahrten durchstehen, weil ich ständig Schmerzen hatte. Im Traum meines Traumes hatte sich der Tiger in mein Schlafzimmer gestohlen und zerfleischte mit Zähnen und Krallen meinen Rücken. Es lag so viel Symbolik in dieser Nachtgeschichte, dass sie mich lange immer wieder begleitet hat, doch ich habe so viel daraus und davon gelernt. Von da weg begann ich immer wieder von „meinem“ Tiger zu träumen. Ich war zu dieser Zeit auch gerade seit kurzem aber relativ regelmäßig in Therapie und über den Zeitraum meines ersten Therapieabschnitts hatte sich der Tiger in meinem Traum verändert. An die Zwischenstadien erinnere ich mich nicht mehr, nur dass es einen „Abschlusstraum“ gab, in dem er sich scheinbar von mir verabschiedet hatte, da ich ihm danach im Schlaf nicht mehr begegnet bin. In diesem letzten Traum trug er eine Basecap verkehrt herum, grinste breit und wir machten gemeinsame Selfies.



Die Geschichte von meinem Schutzwesen ist nicht erfunden. Es ist genau so passiert. Es hat nur lange gedauert, bis ich erkannte, dass dieser Tiger von nun an mein Schutzwesen sein sollte. Ich hatte mein Leben lang schon eine Affinität zu diesen Tieren, vielleicht auch aufgrund meines chinesischen Sternzeichens. Das einzige Stofftier, das ich aus meiner Kindheit behalten und in meine Wohnung mitübersiedelt hatte, war mein Tiger. Als wir in der Therapie begannen mit Imaginationen zu arbeiten, war es zuerst ein Berner Sennenhund, der mich begleitete, der mir Trost spendete und mir die Wärme gab, die ich in meiner Familie nie finden konnte. Doch als mehr und mehr das Innere Kind zum Thema wurde, stellte meine Therapeutin die Frage, ob es nicht etwas Größerem und Stärkerem bedürfe als dem Hund und auf einmal war er da. Der Tiger, der sich zwischen mich und meine Eltern stellte. Der Tiger, der sich um mich herum einrollte. Der Tiger, der mit mir aus der Tür ging, Seite an Seite, in eine ungewisse Zukunft und der mich seitdem immer begleitet wenn ich ihn brauche.







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