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Zyankalitage: Marathon im Hamsterrad

Wo setzt man immer wieder an, wenn der Alltag so laut rauscht, dass man das eigene Blut nicht mehr hören kann? Wenn man im Hamsterrad Marathon läuft und so kein Etappenziel erreicht? Täglich grüßt der schwarze Vogel, der Wecker läutet wie ein Keulenschlag, man hetzt und hetzt und hetzt und hetzt bis man abends endlich wieder die Haut der anderen spüren und einschlafen darf. Die Wochenenden dienen dem Luftholen, um nicht vollends zu Ertrinken, nachdem man Woche für Woche durchtaucht. Man. Ich.

Die Lehrtherapie kommt nur schleppend in die Gänge, der Heilungsvorsatz sitzt auf der Ersatzbank. Das Tempo im Hamsterrad lässt die Umgebung verschwimmen und während ich an den kurzen Abenden mit allen fünf Sinnen zuckerhaltige Lebensmittel aufsauge, um am nächsten Tag wieder aufstehen zu können, ist alle intrinsische Motivation nur noch ein Schatten der Erinnerung.

Langsam bemerke ich, dass mir die Luft ausgeht und ich meine es nicht sprichwörtlich. Am dritten freien Tag fällt mir auf, dass ich nicht richtig atmen kann und nehme zum ersten Mal wirklich die körperliche Anspannung wahr, die als Automatismus zuschnappt, sobald ich meine Aufmerksamkeit vom Entspannen weglenke. Als hätte ich vergessen wie das funktioniert mit dem Luftholen, an das mich aktuell ständig irgendjemand anderes erinnert und denkt, ich würde es nicht tun wenn ich es könnte.

Ich glaube ich war etwa acht Jahre alt, als ich das erste Mal zu denken wagte, dass ich anders bin als andere. Als ich das erste Mal das Gefühl hatte, mit mir stimmt irgendetwas nicht, ich funktioniere nicht wie andere Kinder. Ich war zwölf Jahre alt, als ich das erste Mal meine Vermutung aussprach, depressiv zu sein. Ich war 28, als ich mir endlich zugestand, mir Hilfe zu suchen. Ich war 29, als ich das erste Mal Antidepressiva nahm. Wenn ich darüber nachdenke, wie es mir in den verschiedenen Altersabschnitten so ging, ist mein Leben eine Aneinanderreihung von düsteren Episoden, durch manche helle Phasen unterbrochen, bevor ich zumindest wieder in den altbekannten gewohnten Dauerzustand der melancholischen Grundstimmung verfiel, die in ihren Graustufen ein buntes Klangspektrum abdeckte.

Dieses Mal war es besonders dunkel geworden und ich habe mich wie es scheint in den Nassräumen meiner Gehirntoiletten verirrt. Ich weiß nicht, ob es ein Fortschritt ist, zu erkennen, dass man im Labyrinth des Lebens gerade stumm schreiend und blind im Kreis rennt und man die blauen Flecken, die man sich holt, kaum bemerkt. Aber zumindest habe ich mich daran erinnert, dass ich nicht durchhalten oder etwas beweisen muss. Dass ich niemandem außer mir selbst etwas schuldig bin. Und was das ist werde ich herausfinden.

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