Über Regulation und die Unerträglichkeit von Gleichzeitigkeit

Das letzte Mal Schreiben hier ist gefühlt „schon gar nicht mehr wahr“. 2026 drehte sich bisher so schnell, ich kam gar nicht dazu, es überhaupt zu bemerken (noch schneller als alles andere zuvor). Nun ist es irgendwo zwischen Spätfrühling und Frühsommer und während das Immunsystem – halb abgesprochen – die Handbremse gezogen hat, dreht sich alles zum ersten Mal heuer ein wenig langsamer. Seit Anfang des Jahres gab es drei geplante und einen ungeplanten wichtigen Meilenstein auf die alles atemlos zuhielt und sie alle sind jetzt innerhalb von fünf Wochen stakkatoartig passiert. Meine jährliche Riesenveranstaltung, ein großes strategisches Projekt, ein unangenehmes Gespräch mit Follow-Up und ein wichtiger Schritt in der Ausbildung. Jetzt fühle ich mich voll und leer gleichzeitig und hänge irgendwo im Äther zwischen schon weg und noch nicht da. Ich vermisse in großen und kleinen Episoden des Internets von früher, weil mir meine Zwischenreflexionen dadurch abhanden gekommen sind. Ich denke, ich habe mir ein bisschen was davon in völlig anderem Format in 4-Augen-Kontakt aufgebaut und das trägt mich auch in den Phasen wo alles eng wird, aber jetzt grade reicht das nicht.

Ich habe die ersten vier Monate des Jahres hochfunktional abgearbeitet. Das klinische Praktikum beendet, Stunden im Brotjob wieder aufgestockt, mich um neue Praktikumsstellen für die übrig gebliebenen Stunden gekümmert, die Veranstaltung über die Bühne gebracht, mein Inneres Kind für das Gespräch soweit besänftigt dass es möglich war, dieses zu führen und mein schönstes Slidedeck gebaut. Dann war ich erschöpft und vulnerabel und habe ganz tiefe Gefühle gespürt, nicht so düster und bedrohlich wie Ende letzten Jahres aber dennoch schwer und diesen Schleier habe ich noch ein wenig hoch gehalten weil er trotz seines Gewichts auch wärmt und schützt. Und ich habe ihn mitgenommen an das Wochenende, diese vier Tage, in denen sich Barrieren senken und alte Schlösser öffnen können, oder sollen. Dort habe ich das zugelassen, in einem Raum und Ausmaß, in dem ich das sonst nicht tue und ich weiß bis heute nicht: Wie war das eigentlich für mich? Das erschütterte Schweigen, das Rausgehen und Abschütteln, diese unfassbare und ungreifbare Kraft, die durch die losgelösten Gefühle in meinem Körper gewütet hat. Was waren es überhaupt für Gefühle? Ich kann ihnen nicht mal Namen geben. Ich vermute, es war ein Cocktail aus allen, weil für jedes Gefühl ein Erinnerungsschalter gedrückt worden war und jedes im Laufe von Tag 2 und 3 einzeln freigelegt wurde. Wut. Angst. Verzweiflung. Trauer. Schmerz. Hoffnung. Diese Erfahrung war auf ihre Art unbeschreiblich, nicht zu beschreiben und gerade fühlt es sich an, als würde sie mir zu schnell entgleiten, bevor ich alles aus ihr herausgelöst habe was es für mich herauszulösen gibt.

Wie viel davon war mein Gefühl, wie viel war das von anderen die erzählt haben? Was war das für ein seltsamer Zustand, diese massive Körperreaktion gepaart mit dieser extremen kognitiven Kontrolliertheit, die nicht nur für mich spürbar war? War das gut? War das sinnvoll? Was ist da jetzt? Ist etwas anders?

Zwei Dinge sind geblieben, ganz stark. Eines davon ist der Stellenwert von Regulation, auf individueller aber auch auf kognitiver Ebene und der Zusammenhang mit kollektiven Räumen innerhalb von Kulturen. In unserer Kultur wurden viele regulative Methoden, die Körper und Geist zusammenbringen, wie zum Beispiel Musik und Tanz, aus dem kollektiven Erleben herausgelöst und in den individuellen Lebensbereich verschoben. Ohne diese Räume, gibt es wenig Verbindendes und viel Trennendes. Oder das Trennende, das es überall gibt, hat keine Modi, um wieder Verbindung zu finden. Für mich ist dieser Verbindungsraum das Theater.

Ein zweites ist das Bewusstsein für die schwere Aushaltbarkeit von Gleichzeitigkeiten. Und ich glaube, das ist auch eine große Erkenntnis für mich über die Menschen, die Gesellschaft und die Spannung, die überall da ist. Menschen können Gleichzeitigkeiten nicht gut aushalten und da nehme ich mich nicht aus, obwohl ich was das betrifft in den letzten Jahren viel dazugelernt habe. Wir wollen Dinge einschätzen können um sie in Schubladen zu stecken um zu wissen, wie wir zu ihnen stehen sollen. Doch in der Komplexität unserer Welt ist das oft nicht möglich. Es gibt sehr oft kein entweder oder, sondern nur ein und. Menschen können gut und böse sein, Opfer und Täter:innen. Es gibt keine einfachen Antworten.

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