Ich kenne sie ja schon, die Momente und Flashbacks, die völlig aus dem Nichts kommen und dann erstmal mitten im Raum stehen, mich ansehen und sinngemäß sagen: viel Spaß. Manchmal sind sie überschaubar und nach ein paar Minuten ordnungsgemäß versorgt, bestenfalls liebevoll in eine Lade gelegt, wo ich sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder heraus fische, von allen Seiten beleuchte und mir überlege, wo und wie ich sie in meinen Lebensordner einhefte, damit sie ihren Platz haben ohne mich wieder unerwartet überrollen zu müssen. Manchmal aber sind sie da mit einem „Bäm“, „Krach“ und „Kawumm“ und brauchen allen Raum der grade da ist, wo immer auch grade „da“ ist. Dann drücken sie mich gegen die Wand, weil sie so groß sind, dass für mich kein Platz mehr bleibt, nicht einmal für das minimale Heben meines Brustkorbs beim Atmen.

Einer von den großen hat mich im Juli getroffen, mit ganz viel Wumms und völlig ohne Vorwarnung, als ich gerade im Theater saß. Davon will ich aber hier gerade gar nicht schreiben. Ich will von etwas schreiben, der vor dem Badezimmerspiegel beim Händewaschen auf einmal in meinem Kopf aufgetaucht ist. Es war zuerst nur dieses eine Wort, eines von denen, die mich besonders hart getroffen haben und zwar gleich direkt auf der Stelle, nicht erst nach Monaten, wie ein anderes. „Täterkontakt“. Ich habe es hier schon einmal erwähnt, vor zweieinhalb Jahren, beim Trauma Bullshit Bingo, als ich noch regelmäßig mein Wiener Uboot besucht habe.

Andauernd sagen sie „Familie geht über alles.“ „Vielleicht war es ein Missverständnis.“ „Sie meinen es doch sicher nur gut mit dir.“ „Glaubst du wirklich dass das so war?“ und tausend andere Varianten der Floskel: „Eltern können in keiner Realität schlecht sein.“ Und dann sagt die eine dieses Wort: „Täterkontakt“. Nicht: Eltern. Täter. „So lange Sie Täterkontakt haben, wird es nicht besser werden.“ Und auf einmal, von einer Sekunde auf die andere, ist da eine Wahrheit, die mir gleichzeitig einen der befreiendsten und einen der schmerzhaftesten Momente meiner Therapie beschert.

Da ist jemand, der mit mir hinschaut, in diesen schwarzen Abgrund, jemand der mir endlich die Erlaubnis gibt, zu erkennen was ich mein Leben lang fühle UND: jemand der mir das Recht gibt, dieses Leben zu verlassen mit allem, was dazu gehört. Jemand, der anerkennt, dass es vielleicht das schwierigste ist, das ich je tun muss und jemand der mir damit ein ganz großes Geschenk macht, an dem ich mich immer festhalten kann, wenn die anderen wieder sagen „Aber es sind doch deine Eltern.“




Hinterlasse eine Antwort zu Cynthia alias Rübenigel Antwort abbrechen