„Erinnerungssplitter liegen herum ich tret‘ rein.“

Als ich Freitagabend mit brüchiger innerer Maske im Zuschauerraum einer Wiener Vorstadtbühne saß und einer, die vor einem halben Jahrzehnt meine Welt aus den Angeln gehoben hatte, beim Fühlen zusah, breitete sich in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit meiner always hustling Alltagspersona aus meiner Körpermitte schwarzer Samt in mir aus. Die pelzige Struktur des Gefühls erreichte in konzentrischen Kreisen zuerst den altbekannten Solarplexus und verteilte sich von dort bis in die äußersten Spitzen meiner Extremitäten. Es war der Schmerz über den Verlust von allem, das ich nach dieser damals erdrutschartigen Veränderung in meinem Leben so genossen und gefeiert hatte: die Verbindung zu mir selbst, zu meinem Leben, zu meinem Außen und zur Welt. Eine Verbindung, die nicht – wie damals – gut versteckt in einem zugemauerten Kämmerchen meiner Seele darauf wartete, wieder befreit zu werden, sondern eine Verbindung, die um zu Überleben mit einem harten, glatten Schnitt geteilt worden war. Chirurgisch getrennt und sachgemäß verödet, um das, was nötig war, um mein Überleben zu sichern, auch aushalten zu können.

Ich wusste, dass ich dieses Risiko einging aber ich wusste auch, dass ich keine reale Alternative hatte. Ich konnte wählen zwischen dem Schnitt mit der geringen Hoffnung, ihn eines Tages vernähen und heilen zu können, geduldig wartend, dass die Nervenenden einander wieder finden würden oder auch nicht und das Gefühl dann immer taub bleiben würde. Oder aber ich hätte die Verbindung offen gelassen und wäre damit nie hart genug geworden um zu gehen und den Kontaktabbruch aufrechtzuerhalten und mich aus der immerwährenden Spirale von Traumabonding und Retraumatisierung befreien zu können.

Da saß ich nun und fühlte in aller Tiefe, was ich sonst nie fühlen kann, weil es sie als Spiegel braucht um mich zu erinnern wie das geht (wieder). Und ich erinnere mich, was es ist und was es immer war um das es für mich geht, nämlich das, das Verbundensein, das Teilvonetwassein, das Bedeutungschaffen für mich und noch jemanden sonst. Und es tut weh, so unglaublich weh, weil ich das nicht sehen kann, nicht mehr wenn ich zurückschaue aber auch nicht wenn ich nach vorne schaue. Nicht so wie ich es kannte, nicht so wie ich es möchte, nicht so wie ich es brauche, weil da niemand ist, der es mit mir fühlt.

Dann spreche ich mit einer, die dafür jetzt zuständig ist darüber und sie fragt, ob ich mich an Momente erinnere, in denen ich das alleine konnte. Instinktiv antworte ich mit „nein“ und denke später noch einmal darüber nach und da stimmt das aber auch wieder nicht. Denn ich kenne sie, diese Momente, in denen ich gerade für mich bin und etwas sehe und es spüre und dann fotografiere ich es um es zu behalten und es auch später noch spüren zu können weil mein Kopf alleine so nicht funktioniert und dann schreibe ich etwas darüber und da spüre ich es in aller Tiefe weil ich es teile.

Doch diese Verbindungen und Teilungspunkte, die sind verflogen. Sie alle haben sich irgendwie verflüchtigt, durch den Algorithmus, durch Corona, durch die DSGVO und das damals sich langsam ankündigende und eruptiv passierende Sterben der belebten und weitgehend (kommerziell) absichtslosen Blogosphäre. Denn selbst, wenn es niemanden sonst gab, gab es diesen einen Lichtblick in RGB, diesen virtuellen Ort, an den ich immer nachhause kommen konnte und wo ich immer wusste, dass sich jemand zu mir in meinen virtuellen Schanigarten setzen und sich von meinen gefühlten Gedanken und den gedachten Gefühlen berühren lassen würde. Es war meine geheime Zuflucht, die mir keiner genommen hatte, weil sie ihre Bedeutung für mich gar nicht begreifen konnten. Ich war immer verbunden, durch die unsichtbare Energie, mit anderen da draußen die das gleiche Resonanzfeld suchten und das war sinnstiftend genug.

Und jetzt? Jetzt bin ich die geworden, die nicht mehr viel übrig hat für Sentimentalitäten und Wehmut über Dinge und Erinnerungen meines eigenen Lebens. So vieles hat sich im Innen neu bewertet und den rosa Schleier der Sentimentalität zerrissen. Es ist nicht mehr viel Weiches geblieben, nichts Entsättigtes, nur harte Kontraste und grelle Wahrheiten die mir wie scharf schneidende Erinnerungssplitter manche schmerzende Wunde zugefügt haben wenn ich über sie gestolpert bin.

Es ist die hier schon früher zitierte nietzscheanische Einsamkeit, dieses bodenlose Gefühl im hintersten Winkel irgendwo zwischen Herz und Seele in das man versucht Schönes und Wichtiges und Erfolgreiches zu kippen um es seichter zu machen, leichter zu machen doch es reicht nicht, es reicht nie, denn bis etwas Gutes den Grund erreicht ist es schon aufgebraucht und verpufft und man kann nie schnell genug nachleeren, es will nicht haften bleiben, es verschwindet als wäre es nie da gewesen.

Da sitze ich nun und sehe, wie viel Worte jemandem bedeuten können wenn sie an Erinnerungen haften, die Menschen miteinander verbinden. Wie die pelzige Struktur auch warm sein kann weil der Verlust vermischt ist mit Liebe und dann wird aus dem Schmerz die Melancholie und es ist etwas Schönes. Und ich will es so sehr, so unbedingt, mehr als alles andere und wieder einmal frage ich mich: wo ist mein Weg, der mich (wieder) dorthin bringt? Kann ich ihn noch finden? Gibt es ihn überhaupt noch, auf dieser kaputten Welt in der Worte ausgesprochen werden, die Menschen vor 80 Jahren geschworen hatten nie mehr zu dulden. Oder habe ich mich, haben wir uns so verirrt, dass diese Wege verschüttet sind und wir uns nur noch hintreiben lassen können in die immerwährend fortschreitende Taubheit der sich überlagenden Bilder des scrollenden Bildschirms?

11 Antworten zu „„Erinnerungssplitter liegen herum ich tret‘ rein.“”.

  1. Avatar von wolkenbeobachterin

    liebe s., die fotos sind wieder grossartig und wunder-voll. leider ist es mir gerade zu viel text zum lesen (ich bin krank und kann gerade solche langen texte am pc nicht lesen), aber ich komme wieder um dies an einem späteren zeitpunkt zu tun. ich möchte dir aber sagen, dass ich mich sehr freue, von dir einen aktuellen und frischen text zu lesen und schicke dir die besten wünsche und gedanken. ❤ liebe grüße aus b von m.

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  2. Avatar von Mitzi Irsaj

    Bild und Text berühren mich. Einer jener Texte, die ich schwer kommentieren kann, die ich aber nicht ohne Worte wieder verlassen möchte.

    Deshalb banale, aber von Herzen kommende Grüße, eine virtuelle Umarmung und ein virtuelles neben dir stehen, auf dem Weg.

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    1. Avatar von Sophie Ofühl

      Danke liebe Mitzi ❤ ich weiß wie du es meinst und ich weiß es sehr zu schätzen!

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  3. Avatar von wolkenbeobachterin

    liebe sophie, da bin ich nun und habe gerade deine worte gelesen, die mich berührt haben. ich verstehe die not über die du hier schreibst. in gewisser hinsicht geht es mir ähnlich. du bist damit also nicht allein. vor einigen tagen hörte ich ein video bei youtube, ein junger schwarzafrikaner aus den usa, der darüber sprach, dass trump angeschossen wurde (das erste attentat), dass das gerade eine woche her war und dass es schon wieder so weit weg war, als sei es nicht geschehen. er beklagte bzw. dachte laut darüber nach, wie das sein kann? das ist ein mensch, wie auch immer man zu trump stehen mag, sagte er. aber er ist knapp einem attentat entkommen und wir sprechen nicht mehr darüber. es ist, als wäre das nicht geschehen. doch es ist geschehen. was ist mit uns passiert?
    seine worte haben mich ebenso berührt, ich mag es, wenn menschen achtsam und aufmerksam sind für das was (innen und) außen passiert und sich dazu äußern.
    warum ich es dir erzählt habe, ist, dass weder du, noch ich, also damit alleine sind, mit diesem gefühl der (manchmal oder öfter) fehlenden verbindung bzw. diesem gefühl von verbindung. ich meine, es ist etwas kaputt gegangen (du erwähnst die corona-zeit, was ich für sehr, sehr wichtig halte, dieses im blick zu haben!), wo sehr viel unrecht geschehen ist und eine dauerbeschallung mit schlimmen bildern und worten. es kam alles so massiv über und in uns und es war wie ein negatives love-bombing, weißt du, wie ich es meine? die meisten sind inzwischen so abgestumpft, dass sie nicht mehr erreichbar sind. andere spüren dieses fehlen von verbindung oder anteilnahme, da ist die sensibilität erhalten geblieben.
    helfen dir diese worte nun ein bisschen weiter?
    wenn es um die verbindung zu sich selbst geht, ist für mich wichtig, dass ich mache, was mir etwas bedeutet, wie z.b. mit den miezekatzen schmusen, spazieren gehen, malen, zeichnen, kochen usw. was ist es bei dir und spürst du in solchen momenten nicht die verbindung zu dir selbst? glaubst du eigentlich an gott? oder bist du (anderweitig) spirituell?
    ich kenne diesen schmerz, dieses gefühl, welches du hier so einzigartig und wunderbar beschreibst. ich kenne es sogar sehr gut. vielleicht ist es so, dass man für sich selbst sich mit sich selbst und der umgebenden natur und den tieren verbinden kann (und soll) und darüber hinaus mit ein paar menschenseelen, die einen (zumindest ansatzweise und im groben) verstehen.
    du schreibst, du habest viel kraft gebraucht zu verlassen, zu gehen, das glaube ich dir gern. es war keine leichte, aber sicher eine gute und richtige entscheidung die in deinem sinne war, dir hilft, deinen eigenen weg neu und weiter zu gehen. nicht jeder verlust ist ein verlust, auch wenn es sich manchmal so anfühlt.
    so, nun habe ich genug erzählt. ich hoffe, es sind ein paar worte dabei, die dir ein bisschen helfen. ich finde, zu wissen, dass man mit manchen empfindungen, wahrnehmungen usw. nicht allein ist, ist schon ein kleiner trost. passende menschen zu finden, ist keine leichte angelegenheit, aber es ist möglich. ich wünsche dir zuversicht und schicke dir eine umarmung, wenn ich darf.
    alles liebe, grüße aus berlin, m.

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    1. Avatar von Sophie Ofühl

      ich finde das generell erschütternd, wie es einem geht mit all diesen nachrichten, egal worum es geht. aber ich glaube, ohne diesen schutzmechanismus könnten wir gar nicht mehr existieren. wir lesen, hören, sehen ständig und permanent schreckensnachrichten aus der ganzen welt und sie alle lösen irgendwann nur noch ein schulterzucken aus, weil es zuviel ist. wenn man anfängt zu fühlen, dann wird man lahm gelegt durch den völligen overload. entfremdung, ich hab den begriff grade in einem beitrag bei dir benutzt. meine wahrnehmung selektiert in „betrifft mich“ und „betrifft mich nicht“ und alles was zu weit weg ist dringt überhaupt nicht ins empfindungszentrum vor und das schockiert mich phasenweise sehr, ich denke aber, es ist tatsächlich eine überlebensstrategie. oder auch eine funktionserhaltungsstrategie, denn whatever happens, the show must go on.

      ich habe das früher gut gekonnt, mir diese eigenen inseln zu erhalten aber der effekt oder preis für das, was ich oben beschrieben habe ist anscheinend der, dass es mir falsch vorkommt, so als dürfe ich mir nicht meine rosaroten „bubbles“ erschaffen oder ich kann es auch gar nicht mehr, weil an ihnen immer das „aber“ der welt da draußen klebt. es kommt mir alles so unbedeutend und nutzlos vor. obwohl ich weiß, dass es nicht wahr ist und das leben so nicht funktionieren kann. aber mir scheint, ich kann nicht beides. ich kann nicht funktionieren in dieser welt und verbunden sein.

      an gott glaube ich nicht, aber ich hatte schon einmal einen spirituellen weg für mich, wo es genau darum ging, um die verbindung und verbundenheit innerhalb der welt. genau dieses gefühl ist es, das mir abhanden gekommen ist und um das ich so schmerzlich trauere, weil ich nicht weiß, wie ich es wiederfinden kann…

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      1. Avatar von wolkenbeobachterin

        liebe sophie, sich abzugrenzen gegen das, was dir nicht gut tut kann ich sehr gut verstehen. auch, wenn du unterscheidest zwischen: betrifft dich und betrifft dich nicht. denn gerade in dieser nachrichten-überflutenden zeit ist das sehr wichtig. es ist eine überlebensstrategie und das ist auch in ordnung so.
        was die verbundenheit angeht – wenn du in betrifft mich, betrifft mich nicht unterscheidest, ist es ja klar, dass du dich von einem teil der welt abgrenzt und dich da nicht verbunden fühlst, während du mit dem betrifft-mich-teil dich angesprochen und verbunden fühlst.
        es ist gut, dass du auf dich aufpasst.
        was das spirituelle angeht – vielleicht kannst du zum beispiel über atemübungen wieder zu dir kommen.
        mir ist aufgefallen, dass wenn man zu sehr im kopf ist, dieses gefühl von verbundenheit manchmal verloren geht. insofern ist es mit dem atmen immerhin einen versuch wert.
        fühle dich umarmt!
        hab eine gute woche, liebe grüße aus berlin, m.

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      2. Avatar von Sophie Ofühl

        ich denke auch, dass es tatsächlich anders gar nicht geht in dieser welt. aber so wie ich dir vorhin schon geschrieben habe zu dem thema mit der natur – es ist anders als früher. selbst die dinge, die in „betrifft mich“ sortiert werden, kratzen oft nur an der oberfläche und sind schnell wieder weg. aber wenn ich so drüber nachdenke, kommt mir immer mehr, dass auch das ein verbindungsding ist. ich denke da jetzt an die abgesagten taylor swift konzerte in wien. das hat mich wahnsinnig erschüttert, dass ich in einer stadt lebe, in der konzerte für vorwiegend (und so viele!) junge menschen (frauen!), die dort ihren save space gefunden haben, abgesagt werden muss, weil hier menschen leben, die das verhindern wollen und die das stadion mit zehntausenden menschen in die luft jagen wollten, um diesen menschen (frauen!) angst zu machen. auf der ganzen welt war das möglich, nur hier bei uns nicht. da ging tatsächlich auch eine sehr emotionale welle quer durch alle peer groups die ich habe. aber nach ein paar tagen war das überall wieder vergessen und ich stand mit meiner betroffenheit quasi alleine da. früher wäre ich dann auch dort geblieben, in diesem gefühl und hätte es zu ende gefühlt bis es von sich aus leichter geworden wäre. jetzt wird es eben überlagert von all dem wahnsinn des alltags und dem symbolischen lärm, den der daily hustle macht, in dem keine zeit ist dafür ein paar tage in schockstarre zu verharren.

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  4. Avatar von 1000huegelmomente

    „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“…. diese Worte von Rilke aus seinem Gedicht „Herbsttag“ kennzeichnet vielleicht das Leben in den 20iger Jahren des 21ten Jahrhunderts besser als die vielen Abhandlungen und aktuelle Beiträge zum Zeitgeschehen.

    In dieser Zeile stecken all die Uneben- und Unsicherheiten unseres Zeitgeistes, sind viele Verletzungen aus den persönlichen und gesellschaftlichen Krisen unseres Leben verborgen. Wir tragen sie in und mit uns. Sie begleiten uns auf Schritt und Tritt. Mal brechen sie auf und werden sichtbar, meist aber bleiben sie unter der Haut unsichtbar. Wir können alle nur erahnen, was und wer im Gegenüber steckt. Bleiben wir füreinander achtsam.

    Liebe Grüße,
    Werner

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    1. Avatar von Sophie Ofühl

      Lieber Werner, füreinander achtsam bleiben ist glaube ich so ein wichtiger Punkt im Zusammenleben. No one sees the battle another one is fighting silently oder so ähnlich gibt es einen Aphorismus und daran denke ich oft. Leider habe ich das Gefühl, dass das Mitgefühl für ein Gegenüber weniger wird, überhaupt das Interesse für ein Gegenüber. Die Fragen bleiben seit Jahren die gleichen, die Antworten versinken aber eher noch mehr im Nebel. Zumindest die, mit denen man leben könnte (möchte).

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