19 vs. 18

19 Jahre warst du für mich da, 18 Jahre bist du nun schon fort. 18 Jahre – was für eine unbeschreiblich lange Zeit; und doch erinnere ich mich als wäre dieser Moment in dem ich begriffen hatte dass etwas nicht stimmte gerade erst passiert. Ich kann ihn abrufen und abspielen lassen wie einen Film der vor meinem inneren Auge läuft, immer und immer und immer wieder und ich fühle den Moment, in dem sich mein Magen zusammenzieht jedes Mal neu. Das davor und das danach geht unter in Wellen anderer Erinnerungen. Dass ich mitten in der Abschlusswoche meines ersten Studienjahrs steckte und Tag und Nacht entweder für Prüfungen lernte oder Prüfungen schrieb. Dass ich mich an diesem Tag zwischendurch kurz gewundert hatte, dass das Handy den ganzen Tag still geblieben war, auch noch auf der Heimfahrt. Dass ich genervt war, weil ich nicht wusste ob ich Essen einkaufen musste. An den Heimweg, den Zwischenstopp zum Einkaufen, dass ich im Garten mein Auto abstellte und ausstieg kann ich mich nicht erinnern. Aber dann wird es klar. Ich sperre die Türe auf und höre das Piepsen der Alarmanlage. Jetzt fällt mir auf, dass ein Auto im Garten fehlt. Etwas in mir beginnt zu ahnen, aber mein Bewusstsein blockiert noch. Keiner ist da, keiner ist erreichbar und das während du im Krankenhaus bist. Mein Nervensystem beginnt zu reagieren, ich mache meinen Selbsttest wie schlimm es schon ist – kann ich noch essen? Ich würge den Teller Tomaten Mozzarella hinunter und er bleibt wo er ist, ich habe mich also noch unter Kontrolle. Ich blende meine Gedanken aus und ziehe mich zurück in den Modus meiner Kindheit „es spricht zwar alles dagegen aber es wird schon alles gut sein bis ich etwas Gegenteiliges erfahre.“ So überstehe ich die Stunde bis ich den Schlüssel höre, der sich im Schloss dreht. Ich glaube, ich rufe „Hallo!“ Es kommt nichts zurück. Dann sehe ich, dass noch eine dritte Person das Haus betritt und da weiß ich es. Ich weiß, dass ich mit deinem Fortgehen wieder zurück muss in den Käfig weil sie einen Grund hat mir meine kleinen Fluchten und minimalen Freiräume die ich mir so hart erkämpft und die mir mein Erwachsensein am Papier zugestanden hatte zu nehmen. Ein Tsunami an Trauer und Angst ergießt sich über mir. Ich höre Worte aber ich begreife sie nicht. Das einzige Mal laufe ich mitten im Satz weg, in mein Zimmer, in mein Bett und sperre die Türe hinter mir zu. Nichts wird mehr wie es war. Nichts wird mehr gut. Die Erinnerung verschwimmt.

Der Tod meiner Großmutter war eine heftige Zäsur in meinem Leben. Ich trauerte um die einzig mütterliche Figur die ich gekannt hatte und war mit 19 Jahren mit dieser Trauer völlig alleine. Meine Freunde konnten meinen Verlust nicht nachvollziehen, mein damaliger Freund war mit dem Schwall an Trauer und Verzweiflung überfordert und laut meiner Familie hatte ich als Enkelin kein Recht auf Trauer, dies gebührte einzig meiner Mutter, die ihre Mutter verloren hatte. Sie zelebrierte ihre Opferrolle in neuer Perfektion und alles hatte sich ihr unterzuordnen. Während meine Freunde den Sommer gemeinsam draußen verbrachten, musste ich jeden Tag gewährleisten zuhause zu sein und darauf zu achten dass meine Mutter aß. Mein Freund durfte gelegentlich dabei sein, allerdings musste ich immer das richtige Maß abwägen wann ich ihn wegschicken musste. Mein ganzer Tagesablauf musste auf meine Mutter ausgerichtet sein, wann mein Vater auf Dienstreise war, wann sie essen musste. Dazu wurde von mir Entertainment und Ablenkungsprogramm erwartet. Versuchte ich dagegen aufzubegehren, kramte mein Vater in der cholerischen Narzissmuskiste um mich sehr schnell gefügig zu machen. Tatsächlich war nach dem Tod meiner Großmutter nichts mehr wie es einmal war. Auch die wenigen leichten und lächelnden Momente die ich kannte waren Geschichte. Es sollte viele Jahre dauern bis es wieder etwas wie Weihnachten gab. Über sie wurde nicht mehr gesprochen.

Doch eines geschah noch. Mein Großvater verbrachte in dem und dem folgenden Sommer ungleich mehr Zeit bei uns. So lernten wir uns beide als erwachsene Menschen auf stundenlangen Spaziergängen zu zweit durch den Wienerwald neu und auf eine Art kennen, die davor nicht möglich gewesen wäre und die mir viel Ressourcen gegeben hat, durchzuhalten, weiterzumachen und mich selber irgendwo tief drinnen nicht zu verlieren.

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