Mein Uboot in Wien

Im 13. Wiener Gemeindebezirk liegt mein Uboot vor Anker. Durchschnittlich alle 2,5 Wochen läute ich an der Tür und der Lift ins erste Dachgeschoß bringt mich unter die Wasseroberfläche, 20.000 Meilen unter das Meer.

Mein Uboot schwebt losgelöst von Zeit und Raum durch mein Universum. Ich reise damit überall hin, wo ich muss und wo es schmerzt, wo es tief und unter die Haut geht, bis ins aller innerste der Wunden und doch bin ich immer sicher. Nach vielen Jahren und Besuchen habe ich gelernt, dass ich dort wahrhaftig ich sein kann. Ich wurde gesehen, mit all meinen inneren Schrammen und Narben und meiner Verletzlichkeit, mit meiner deformierten Seele und all dem Schmerz aber auch all dem Licht, das die Scherben spiegeln. Mehrmals habe ich versucht den Anker zu lösen, doch jedes Mal habe ich ihn doch wieder ausgeworfen bevor ich mich zu weit entfernt hatte.

Ohne diesen Ort kann ich mich auf Dauer nicht Erden. Ich halte nicht. Ich verliere mich, verschwimme, werde durchsichtig, meine Personas lösen sich voneinander. Doch nun muss ich. Für eine Zeit. Vielleicht für immer. Damit ich anderswo vorankomme. Und das tut weh, es reißt etwas auf in mir das so lange weh tat und erst seit kurzem heilt. Vielleicht muss es so sein. Bestimmt. Wie eine Schraube im Rückgrat, die stützt und doch wieder entfernt werden muss. Doch der Wundschmerz brennt sich ins Herz und das kleine Kind in mir will nur seine Arme ausstrecken und weint: bitte bleib und halt mich, lass mich nicht los, nicht auch noch du.

4 Antworten zu „Mein Uboot in Wien”.

  1. Avatar von wolkenbeobachterin

    ja, halt dich fest, und auch das innere kind. und ich umarme euch beide, wenn ich darf. ❤

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    1. Avatar von Sophie Ofühl

      natürlich darfst du das. ich danke dir ❤

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  2. Avatar von Myriade

    So traurig und so schön geschrieben🌺

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